Vor und Nachteile einer zweisprachigen Erziehung
Die Entscheidung, Kinder in zwei verschiedenen Sprachen aufwachsen zu lassen, wird häufig mit großen Hoffnungen aber auch Ängsten gefällt. Einserseits hofft man den Kindern durch die weitere Sprache Vorteile für die Schule und fürs spätere Leben zu verschaffen, andererseits quält einen die Angst, - die zum Teil auch von Freunden, Verwandten oder Pseudowissenschaftlern genährt wird - ob man dadurch vielleicht die gesamte sprachliche Entwicklung des Kindes verlangsamen oder im schlimsten Fall sogar stören kann. Kann Zweisprachigkeit zum Beispiel zu Stottern führen?
Verständnis für die Beliebigkeit von Sprache
George Saunders führt in seinem Buch "Bilingual Children: From Birth to Teens" eine interessante Studie von Anita Ianco-Worrall (1972) an. Sie untersuchte vier- bis neunjährige Kinder in Südafrika, die zweisprachig in Afrkaans und Englisch waren. Sie zeigte, dass mehrsprachige Kinder Sprache tiefgehender analysieren als einsprachige, und dass sie besser in der Lage sind Sprache als ein abstraktes System zu verstehen. Zweisprachige Kinder werden sich viel eher bewußt, dass Wörter für Dinge willkürlich sind, d.h. dass die Zuordnung eines Wortes zu einem Objekt prinzipiell geändert werden kann. Man stellte ihnen zum Beispiel die Frage, ob man einen Hund auch "Kuh" nennen könnte, wenn man gleichzeitig eine Kuh als "Hund" bezeichnete. Die Mehrzahl der einsprachigen Kinder sagte, dass dies nicht ginge, dass man Namen von Dingen nicht ändern könne, während die Mehrheit der zweisprachigen Kinder diesem Konzept zustimmte.
Besseres Verständnis anderer Kulturen
Durch das Erlernen einer weiteren Sprache erhält ein Mensch einen tiefen Einblick in eine andere Kultur, die dann meist zu einem generell besseren Verständnis und dadurch zu mehr Toleranz zu fremden Kulturen führt. Man ist nicht egozentrisch auf die eigene Umgebung fixiert.
Besseres Verhältnis zu Verwandten
Wenn ein Teil der Verwandschaft eines Kindes nur die zweite Sprache spricht, ist es extrem wichtig, dass es in dieser Sprache über eine hohe Kompetenz verfügt. Wie sollte ein Mensch zu seinen Verwandten, eine gute Beziehung unterhalten, wenn sie eine unverständliche Fremdsprache sprechen.
Zweisprachigkeit und Stottern
Immer wieder kommt es vor, dass Kinderärzte oder Logopäden bilingual erziehenden Eltern raten, ihre Kinder nicht mehr mit der zweiten Sprache zu konfrontieren, wenn sich sprachliche Auffälligkeiten zeigen, - wie z. B. unklare Aussprache, Stottern oder Rückstände in der sprachlichen Entwicklung. Wenn die Eltern darauf eingehen, besteht das Ergebnis darin, dass sich das Kind - unter der Voraussetzung, dass keine anderen logopädischen Maßnahmen durchgeführt werden - zu einem einsprachigen statt zweisprachigen Stotterer entwickelt. Anders ausgedrückt: Bisher konnte kein Zusammenhang zwischen Zweisprachigkeit und Stottern hergestellt werden.
In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde von Travis, Johnson und Shover eine Studie an 4827 Kindern durchgeführt. In ihrem Ergebnis kamen sie zu dem Schluss, dass in der einsprachigen Gruppe nur 1,8 % und in der zweisprachigen Gruppe 2,8 % Stotterer waren. Dieser geringfügige Unterschied, der im übrigen auf andere Merkmale der Vergleichsgruppen zurückgeführt werden kann, lässt keine Rückschlüsse auf eine Gefährdung der sprachlichen Entwicklung durch Zweisprachigkeit zu.
Im Jahre 1967 erwähnte Professor Wendell in seiner Untersuchung über Sprachpathologie und Psychologie noch nicht einmal die Zweisprachigkeit als möglichen Störfaktor.
Auch vergleichende Untersuchungen verschiedener Länder, die unterschiedliche Anteile an zweisprachiger Bevölkerungen aufweisen, konnten keinen Zusammenhang herstellen. (Harding/Riley, 1986)