Bernd Klein · Text, Komposition und Interpretation

Polysephone
Wenn die Welt auf dem Kopf steht

Ein Song über verkehrte Gewissheiten, verschwundene Wahrheit und die Frage, ob wir widersprechen oder nur zusehen.

„Polysephone“ entstand aus dem Bild einer Welt, in der vertraute Rollen ins Gegenteil kippen: Schafe suchen Schutz bei Wölfen, Fische schwimmen zum Hai, der Dieb bewacht die Schätze und der Lügner bestimmt, was als Wahrheit gelten soll.

Ein erfundener Name zwischen Mythos und Vielstimmigkeit

Polysephone ist ein bewusst erfundenes Wort. Es erinnert zunächst an Persephone, die Gestalt der griechischen Mythologie, die zwischen Oberwelt und Unterwelt steht. Gleichzeitig klingt darin Polyphonie an – das Zusammenwirken mehrerer selbstständiger Stimmen – und auch das Wort Symphonie.

Das ist keine etymologische Ableitung, sondern ein musikalisches Wortspiel. Das griechische phonē bedeutet Stimme oder Klang; „Polysephone“ wird so für mich zu einer Figur vieler Stimmen und zugleich zweier Welten. Genau diese Mehrdeutigkeit passt zum Stück: Nichts bleibt eindeutig, und scheinbar feste Bedeutungen wechseln ihre Seiten.

Was geschieht, wenn die Begriffe selbst ihre Richtung verlieren – wenn Schutz gefährlich, Lüge glaubwürdig und Wahrheit verdächtig wird?

Der vollständige Text

When the gentle sheep choose ruthless wolves to keep them safe,
When fish swim straight into the shark's wide, waiting maw like a grave.

Will we rise, will we fight, will we break through the silence and chains?
Or just silently watch as it all disappears in the fire and flames?

When the blind mislead the sighted to the edge of a steep, high cliff,
When the road to escape is shattered, winding, rugged, and stiff.

When the thief is crowned as the guardian of treasures untold,
When the liar's deceit is embraced and his falsehoods are sold,
When the poison is offered as the one and only cure.

Will we rise, will we fight, will we break through the silence and chains?
Or just silently watch as it all disappears in the fire and flames?

When silence drowns out the wisdom of those who see through disguise,
When the truth disappears, entangled in a web full of lies,
When the world turns over, collapsing in sorrow and shame,
When they still wear their masks and insist that it's all just the same.

Will we rise, will we fight, will we break through the silence and chains?
Or just silently watch as it all disappears in the fire and flames?

Oh, the world's upside down, turning fast as the echoes resound,
Where deception stands tall and the truth is left lost in the ground.

Will we rise, will we fight, will we break through the silence and chains?
Or just silently watch as it all disappears in the fire and flames?

Der Schrei – ein Bild für eine verstörte Welt

„Polysephone“ habe ich auch für meinen Film „Did This Artist Predict the Future?“ über Edvard Munchs Der Schrei verwendet. Munchs Bild ist für mich nicht einfach eine Darstellung von Angst. Es wirkt wie ein Bild einer Wirklichkeit, in der die vertraute Ordnung selbst ins Schwanken geraten ist – und gerade deshalb passt es so gut zu diesem Text.

Vielleicht ist Der Schrei sogar ein wenig zu wirkungsvoll: Der Film gehört nicht gerade zu den harmlosesten Bildern auf meinem Kanal. Wer sich trotzdem traut, findet ihn hier:

Vorschaubild zum Munch-Film Did This Artist Predict the Future?
Did This Artist Predict the Future? – der Munch-Film auf YouTube.

Ein früheres Video aus diesem Themenkreis

Auch in einem früheren Video treffen Musik, Verfremdung und die Frage nach einer unsicher gewordenen Wirklichkeit aufeinander.

Vorschaubild zu einem früheren Video von Bernd Klein
Ein früheres Video von Bernd Klein – auf YouTube ansehen.

Das Album Polysephone

„Polysephone“ ist zugleich der Titeltrack meines gleichnamigen Albums. Das Album erschien 2025 und umfasst sechs Stücke. Ein weiteres Stück darauf ist „Eel’usive Truth“, das später die beiden experimentellen Van-Gogh-Filme begleitet.

Zwei Stücke, eine verwandte Frage

„Polysephone“ und „Eel’usive Truth“ sind musikalisch verschieden, kreisen aber um eine verwandte Erfahrung: Was passiert, wenn die Wirklichkeit nicht mehr zuverlässig erscheint? Bei „Polysephone“ wird die Welt sprachlich auf den Kopf gestellt. Bei „Eel’usive Truth“ entzieht sich die Wahrheit wie etwas, das man gerade zu greifen versucht.

Diese Frage verbindet für mich Musik und Bild. Deshalb tauchen beide Stücke in Filmen auf, die sich mit Wahrnehmung, Verfremdung und dem Verhältnis zwischen Realität und Vorstellung beschäftigen.

Zu den Van-Gogh-Filmen →