Vier filmische Reisen – zwei mit Van Goghs unveränderten Gemälden, zwei als offen erkennbare künstlerische Erweiterungen mit generativer KI.
Zwei verschiedene Wege zu Van Gogh
Vincent van Gogh (1853–1890) malte Landschaften, Menschen, Zimmer und Gegenstände mit einer Intensität, die weit über das Sichtbare hinausgeht. Farbe wird bei ihm zu Bewegung, Rhythmus und innerer Spannung.
Meine vier Van-Gogh-Filme verfolgen bewusst zwei unterschiedliche Ansätze. In den ersten beiden stehen ausschließlich Van Goghs Originalgemälde im Mittelpunkt. Die Bilder selbst werden nicht verändert. Neu entstehen nur Auswahl, Reihenfolge, Kamerabewegung, Detailbetrachtung und Musik.
Die beiden anderen Filme stellen eine andere Frage: Was könnte jenseits des Bildrahmens liegen? Hier werden Van Goghs Bildwelten mit generativer KI bewusst erweitert und neu interpretiert. Dabei soll zu keinem Zeitpunkt der Eindruck entstehen, diese zusätzlichen Bilder stammten von Van Gogh. Das Imaginierte bleibt als Imagination erkennbar.
Ein kurzes Leben, eine erstaunliche Entwicklung
Vincent van Gogh wurde 1853 im niederländischen Zundert geboren. Bevor er sich endgültig der Kunst zuwandte, arbeitete er unter anderem im Kunsthandel und versuchte sich als Prediger. Erst um 1880 entschied er sich mit großer Konsequenz für das Leben als Künstler. Ihm blieben nur etwa zehn Jahre intensiver Arbeit, in denen jedoch ein außergewöhnlich umfangreiches Werk entstand.
Seine Entwicklung lässt sich fast geografisch verfolgen: die dunklen, erdigen Bilder aus den Niederlanden; die Begegnung mit Impressionismus, Neoimpressionismus und japanischen Farbholzschnitten in Paris; das leuchtende Südfrankreich von Arles; die bewegten Landschaften von Saint-Rémy und schließlich die letzten Monate in Auvers-sur-Oise.
Wie Van Gogh malte
Van Gogh machte den sichtbaren Pinselstrich zu einem wesentlichen Bestandteil des Bildes. In vielen reifen Werken liegt die Farbe dick auf der Oberfläche – Impasto – und Linien beginnen zu schwingen, kreisen oder sich rhythmisch über Felder, Bäume und Himmel zu bewegen. Farbe sollte für ihn nicht nur Natur wiedergeben, sondern Ausdruck verstärken.
Van Gogh pur
Die Originalgemälde im Mittelpunkt
In diesen beiden Filmen wird nichts in Van Goghs Bildern ergänzt, ersetzt oder mit KI erweitert. Die neue Ebene entsteht ausschließlich durch die filmische Form und meine Musik.
60 Gemälde aus Van Goghs verschiedenen Lebens- und Schaffensphasen. Langsame Kamerabewegungen führen von ausgewählten Details zum vollständigen Bild – begleitet von mehr als zwei Stunden eigener Musik. Die Gemälde selbst werden nicht verändert oder ergänzt.
Zwanzig originale Gemälde werden zu einer konzentrierten Reise in vier musikalisch und visuell gegliederten Bewegungen. Neu entstehen Dramaturgie, Reihenfolge, Kamerabewegung und Musik – Van Goghs Bilder bleiben unangetastet.
Hier ist Van Goghs Kunst nicht nur das Werk, das betrachtet wird, sondern Ausgangspunkt einer Vorstellung. Die KI erzeugt Möglichkeiten; Auswahl, Richtung, Erzählung und künstlerische Entscheidung bleiben Teil meines eigenen Gestaltungsprozesses.
KI-gestützte künstlerische Erweiterung · Eel’usive Truth
Fenster in Van Goghs Welt und Kunst
Eine französische Villa öffnet Fenster zu Landschaften und Innenräumen, die von Van Goghs Bildwelt inspiriert sind. Diese Räume sind keine unbekannten Van Goghs und keine Rekonstruktionen, sondern bewusst imaginierte Szenen aus eigenen Ideen, umgesetzt mit generativer KI.
KI-gestützte künstlerische Erweiterung · Eel’usive Truth
Die Kirche von Auvers – was liegt jenseits des Bildes?
Van Goghs „Die Kirche von Auvers“ bleibt zunächst unangetastet im Zentrum. Dann öffnet sich der Raum über die Bildränder hinaus: Wohin führen die beiden Wege? Was könnte außerhalb des Rahmens liegen? Später erscheint die Kirche in frei imaginierten Bildwelten, die an Monet, Picasso, Matisse und Caravaggio erinnern – bevor der Film zum unveränderten Original zurückkehrt.
Künstler haben Wirklichkeit schon immer verändert: durch Übertreibung, Abstraktion, Montage, Collage, Traum, Perspektivwechsel, Variation und Neuinterpretation. Auch die Kunst des 20. Jahrhunderts spielte bewusst mit dem Verlust vertrauter Zusammenhänge.
Ein Beispiel ist René Clairs avantgardistischer Film Entr’acte von 1924. Schon dort wird die sichtbare Welt beschleunigt, zerlegt, neu zusammengesetzt und ins Absurde verschoben. Die Verfremdung will nicht dokumentarische Wahrheit vortäuschen; ihre offensichtliche Unwirklichkeit ist gerade Teil der Kunst.
Kunst darf Wirklichkeit verfremden. Fake News verbergen, dass sie Wirklichkeit verfälschen.
Genau darin sehe ich die Verbindung zu meinen beiden experimentellen Van-Gogh-Filmen. Niemand soll glauben, Van Gogh habe die zusätzlichen Bilder gemalt. Die Veränderung ist keine Täuschung, sondern der Gegenstand des Experiments: Was geschieht mit unserer Wahrnehmung, wenn ein vertrautes Bild über seine historischen Grenzen hinaus weitergedacht wird?
Das Werkzeug der generativen KI ist neu. Der künstlerische Impuls, Wirklichkeit zu verwandeln, zu zitieren und neu zu deuten, ist es nicht.
Eel’usive Truth – wenn Wahrheit entgleitet
Beide experimentellen Van-Gogh-Filme werden von meiner Jazz-Fusion-Komposition „Eel’usive Truth“ begleitet. Der Titel spielt mit elusive – schwer zu fassen, entgleitend – und mit dem englischen eel, dem Aal. Wahrheit wird zu etwas, das sich der sicheren Hand immer wieder entzieht.
Ich spiele sämtliche Instrumentalparts selbst: Bass, akustisches und elektrisches Piano sowie Tenor- und Sopransaxophon; die Saxophone übernehmen über weite Strecken die führenden Stimmen. Auch die Drums stammen von mir und wurden über Keyboard eingespielt. Die Musik bewegt sich zwischen Groove, Improvisation und Unruhe – passend zu Bildern, in denen sich die Grenze zwischen historischer Wirklichkeit und bewusster Imagination verschiebt.
Entr’acte – Verfremdung lange vor der KI
Eine frühere visuelle Fassung von „Eel’usive Truth“ basiert auf René Clairs Entr’acte von 1924. Der rund zwanzigminütige Film entstand als Zwischenstück für Francis Picabias dadaistisches Ballett Relâche; Erik Satie komponierte die Musik dazu. Schon seine Entstehung verbindet also Bild, Bewegung und Musik zu einem gemeinsamen künstlerischen Experiment.
Wichtig dabei: Für meine Fassung habe ich dem Film keinerlei neue Bildinhalte mit KI hinzugefügt. Das sichtbare Material stammt im Wesentlichen vollständig aus dem Originalfilm. Meine Eingriffe sind filmischer und technischer Art: Ich habe gekürzt, einzelne Passagen zeitlich verändert, in Bilder hineingezoomt, Ausschnitte neu gesetzt, Sequenzen anders angeordnet und die Montage an meine Musik angepasst. Dadurch entsteht eine neue Fassung und ein anderer Rhythmus, doch die Bilder bleiben erkennbar dem historischen Original verpflichtet.
Entr’acte selbst löst die sichtbare Welt bewusst aus ihren gewohnten Zusammenhängen. Marcel Duchamp und Man Ray spielen auf einem Dach Schach, ein Wasserstrahl beendet die Partie, ein Leichenwagen wird von einem Kamel gezogen, Bewegungen werden beschleunigt, verlangsamt oder umgekehrt, Bilder überlagern sich, und aus einer scheinbar normalen Situation entsteht im nächsten Moment etwas Absurdes. Der Film folgt keiner dokumentarischen Logik. Er zeigt vielmehr, wie Film selbst Wirklichkeit zerlegen und neu zusammensetzen kann.
Genau deshalb passt Entr’acte für mich zu diesem Van-Gogh-Projekt. Auch hier geht es nicht darum, eine erfundene Welt als historische Wahrheit auszugeben. Im Gegenteil: Die Verfremdung soll sichtbar bleiben. Van Goghs Originale sind klar von meinen KI-gestützten Erweiterungen getrennt, so wie auch Clairs Film nie behauptet, seine absurden Bilder seien eine Wiedergabe der realen Welt. Die Kunst entsteht gerade aus der erkennbaren Abweichung von ihr.
Die Verbindung reicht noch weiter. Van Gogh selbst verwandelte sichtbare Wirklichkeit durch Farbe, Pinselstrich und Rhythmus; Entr’acte tat dies mit Montage, Tempo, Überblendung und filmischem Witz; generative KI eröffnet heute eine weitere Möglichkeit, ein Bild über seine sichtbaren Grenzen hinaus weiterzudenken. Die Mittel ändern sich, die künstlerische Frage bleibt erstaunlich ähnlich: Was geschieht mit unserer Wahrnehmung, wenn das Vertraute plötzlich anders weitergeführt wird, als wir es erwarten?
Auch deshalb passt „Eel’usive Truth“ zu diesen Bildern. In Entr’acte entgleitet die vertraute Ordnung spielerisch und absurd; in meinen Van-Gogh-Filmen wird die Grenze zwischen Original, möglicher Fortsetzung und freier Interpretation bewusst sichtbar gemacht. Entscheidend bleibt immer: Die Verfremdung wird offengelegt – sie soll zum Nachdenken anregen, nicht täuschen.
▶„Eel’usive Truth“ mit Ausschnitten aus René Clairs Entr’acte – auf YouTube ansehen.
Originalmusik von Bernd Klein
Die Filme sind keine neutralen Diashows. Bildauswahl, Kamerabewegung, Reihenfolge und Musik bilden jeweils einen zusammenhängenden Kunstfilm. Weitere kürzere Van-Gogh-Videos und Shorts finden sich direkt auf KleinTones.