Kritisches Denken & politische Wahrnehmung

Was sehe ich nicht?

Wie Menschen dieselben Informationen sehen – und zu völlig verschiedenen politischen Wirklichkeiten gelangen

Was sehe ich nicht? – Was andere zu sehen glauben.

Wie Menschen dieselben Informationen sehen – und zu völlig verschiedenen politischen Wirklichkeiten gelangen

Wir leben in einer Zeit, in der uns mehr Informationen zur Verfügung stehen als jemals zuvor. Fast jeder kann Nachrichten aus aller Welt lesen, Reden von Politikern im Original ansehen, Interviews verfolgen, Statistiken nachschlagen und unterschiedliche politische Positionen miteinander vergleichen.

Und trotzdem scheinen wir in völlig verschiedenen Wirklichkeiten zu leben.

Das beschäftigt mich zunehmend.

Wenn ich Donald Trump sehe und höre, entsteht bei mir ein Bild, das kaum negativer sein könnte. Um es bewusst plakativ zu formulieren: Ich halte ihn für einen der dümmsten, skrupellosesten und gefährlichsten Präsidenten, die die Vereinigten Staaten je hatten. Ich sehe einen Mann, der ständig lügt, Menschen herabsetzt, persönliche Loyalität über Institutionen stellt, demokratische Regeln als Hindernis betrachtet und autoritäre Herrschaft nicht nur bewundert, sondern selbst anstrebt.

Andere Menschen sehen denselben Donald Trump – und erkennen offenbar etwas völlig anderes.

Sie halten ihn für intelligent, durchsetzungsstark, mutig, patriotisch, geschäftstüchtig oder authentisch. Manche sehen in ihm sogar einen außergewöhnlich erfolgreichen Präsidenten.

Wo ich Narzissmus sehe, sehen sie Selbstbewusstsein.

Wo ich Rücksichtslosigkeit sehe, sehen sie Entschlossenheit.

Wo ich primitive Beleidigungen höre, hören sie einen Politiker, der endlich Klartext spricht.

Wo ich Angriffe auf demokratische Institutionen sehe, sehen sie den Kampf gegen ein korruptes Establishment.

Wie ist das möglich?

Haben wir wirklich dieselben Informationen?

Die naheliegende Antwort lautet: Nein.

Wir lesen unterschiedliche Zeitungen, schauen unterschiedliche Fernsehsender, folgen unterschiedlichen Menschen auf Facebook, YouTube, X oder anderen Plattformen. Algorithmen verstärken diese Auswahl noch. Wer einmal bestimmte Inhalte anklickt, bekommt mehr davon angeboten.

Aber diese Erklärung reicht mir nicht.

Denn grundsätzlich stehen uns viele derselben Informationen zur Verfügung. Ein Trump-Anhänger könnte Reuters lesen. Ich könnte einen Trump-nahen YouTube-Kanal ansehen. Wir könnten beide dieselbe Rede vollständig anschauen.

Warum wählen wir also unterschiedliche Quellen?

Warum vertraue ich Reuters, der New York Times, der Washington Post, öffentlich-rechtlichen Medien oder wissenschaftlichen Institutionen eher als einem Facebook-Posting oder einem parteinahen YouTube-Kanal?

Und warum macht ein anderer Mensch möglicherweise genau das Gegenteil?

Nach welchen Kriterien entscheiden wir überhaupt, wem wir glauben?

Natürlich gibt es Kriterien für die Qualität von Quellen. Journalistische Standards, überprüfbare Belege, Transparenz, Korrekturen und voneinander unabhängige Bestätigungen sind nicht dasselbe wie irgendeine Behauptung in sozialen Medien.

Es wäre deshalb falsch, daraus zu folgern, jede Quelle und jede Darstellung sei gleichermaßen zuverlässig.

Aber damit verschwindet das Problem nicht.

Denn auch ich entscheide, welchen Quellen ich vertraue.

Was sehe ich nicht?

Vielleicht sollte ich deshalb die Frage nicht nur an die anderen richten.

Was sehe ich möglicherweise nicht?

Wenn ich überzeugt bin, dass Donald Trump eine Gefahr für die Demokratie ist, welche Informationen nehme ich dann besonders bereitwillig auf?

Welche übersehe ich?

Welche interpretiere ich sofort im Sinne meines bereits vorhandenen Bildes?

Wenn ich einen Bericht lese, der meine Einschätzung bestätigt, prüfe ich ihn dann genauso kritisch wie einen Bericht, der ihr widerspricht?

Oder unterliege ich demselben Confirmation Bias, den ich bei anderen so leicht erkenne?

Diese Frage ist unangenehm.

Denn natürlich halte ich meine eigene Einschätzung für gut begründet. Sonst hätte ich sie nicht.

Aber genau das gilt vermutlich auch für diejenigen, deren Einschätzung ich für vollkommen falsch halte.

Das bedeutet nicht: Jeder hat seine eigene Wahrheit

An dieser Stelle lauert allerdings eine andere Falle.

Aus der Erkenntnis, dass wir Informationen auswählen und unterschiedlich interpretieren, darf nicht die Vorstellung entstehen, es gebe überhaupt keine objektiv überprüfbare Wirklichkeit mehr.

„Du hast deine Wahrheit, ich habe meine.“

Das halte ich für gefährlich.

Es gibt Tatsachen.

Ein Politiker hat etwas gesagt oder er hat es nicht gesagt. Eine Wahl hatte ein bestimmtes Ergebnis. Eine wirtschaftliche Kennzahl hat einen bestimmten Wert. Ein Gericht hat ein bestimmtes Urteil gefällt. Eine Behauptung lässt sich durch Dokumente belegen oder eben nicht.

Aussagen können wahr oder falsch sein.

Quellen können zuverlässig oder unzuverlässig sein.

Belege können stark oder schwach sein.

Kritisches Denken bedeutet deshalb nicht, jede Behauptung für gleichberechtigt zu halten.

Die eigentliche Schwierigkeit beginnt vielmehr dort, wo aus Tausenden einzelner Tatsachen ein Gesamtbild entsteht.

Dieselben Tatsachen – unterschiedliche Bedeutung

Vielleicht liegt ein wesentlicher Unterschied gar nicht darin, welche Tatsachen wir kennen, sondern darin, welche Bedeutung wir ihnen geben.

Ein Trump-Wähler muss möglicherweise gar nicht glauben, dass Trump immer die Wahrheit sagt.

Vielleicht sagt er:

Ja, natürlich übertreibt und lügt er. Aber die anderen lügen auch. Wenigstens kämpft er für uns.

Dann diskutieren wir plötzlich nicht mehr darüber, ob Trump lügt.

Wir gewichten diese Tatsache unterschiedlich.

Was für mich ein entscheidendes Kriterium zur Beurteilung eines Präsidenten ist, kann für jemand anderen zweitrangig sein.

Und damit komme ich zu Deutschland.

Und die AfD?

Bei der AfD passiert mir etwas Ähnliches.

Wenn ich viele ihrer Spitzenpolitiker höre, sehe ich vor allem eine rechtsextreme Gefahr. Ich höre Nationalismus und Ausgrenzung. Ich sehe die bewusste Verschiebung sprachlicher Grenzen. Manche Äußerungen empfinde ich als erschreckend empathielos. Ich sehe Angriffe auf Medien, demokratische Institutionen und gesellschaftliche Minderheiten.

Und ich frage mich:

Wie können Menschen dies hören und trotzdem diese Partei wählen?

Oder manchmal sogar gerade deshalb?

Aber wieder stellt sich die unangenehme Frage:

Was sehen diese Menschen, das ich nicht sehe?

Vielleicht sehen manche von ihnen zunächst etwas völlig anderes.

Sie sehen Migration, die sie als unkontrolliert empfinden.

Sie sehen einen Staat, dem sie nicht mehr zutrauen, seine eigenen Regeln durchzusetzen.

Sie sehen wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Belastungen, Bürokratie oder eine Energiepolitik, die sie für falsch halten.

Sie sehen Kriminalität und haben den Eindruck, darüber dürfe nicht offen gesprochen werden.

Sie erleben eine politische und mediale Sprache, in der sie sich selbst nicht mehr wiederfinden.

Oder sie haben schlicht das Gefühl, dass die etablierten Parteien ihnen nicht zuhören.

Ich kann diese Wahrnehmungen untersuchen, ihnen widersprechen oder manche davon sogar für nachweislich falsch halten.

Aber ich sollte sie zunächst verstehen.

Denn vielleicht sehe ich Höcke und denke zuerst an Rechtsextremismus.

Ein anderer sieht Höcke und denkt zuerst:

Endlich spricht jemand über das, worüber die anderen nicht sprechen wollen.

Ich höre eine menschenverachtende Formulierung.

Er hört Klartext.

Ich sehe die Gefahr einer autoritären Verschiebung.

Er sieht die Hoffnung auf einen Staat, der wieder Kontrolle gewinnt.

Wir haben dieselben Worte gehört. Und dennoch haben wir offenbar nicht dasselbe gehört.

Information ist nicht gleich Wirklichkeit

Vielleicht stellen wir uns politische Meinungsbildung zu einfach vor.

Wir sammeln nicht sämtliche verfügbaren Informationen, legen sie auf einen großen Tisch und bilden anschließend vollkommen rational unser Urteil.

Zwischen Information und Überzeugung liegen viele Schritte:

Information → Auswahl → Vertrauen → Interpretation → Gewichtung → Urteil

Schon die Auswahl ist nicht neutral.

Wir lesen bevorzugt Dinge, die uns interessieren. Wir vertrauen Menschen und Institutionen aufgrund früherer Erfahrungen. Wir interpretieren neue Informationen vor dem Hintergrund dessen, was wir bereits glauben.

Hinzu kommen persönliche Erfahrungen, soziale Umgebung, Angst, Hoffnung, Gruppenzugehörigkeit und moralische Werte.

Und vermutlich ist keiner von uns davon frei.

Auch ich nicht.

Warum erkenne ich den Irrtum immer zuerst bei den anderen?

Confirmation Bias lässt sich wunderbar bei anderen beobachten.

Trump-Anhänger ignorieren Informationen, die nicht in ihr Weltbild passen.

AfD-Anhänger glauben unseriösen Quellen.

Verschwörungstheoretiker suchen nur nach Bestätigung.

Aber vielleicht ist bereits diese Aufzählung verdächtig.

Denn wo komme ich selbst darin vor?

Welche meiner Überzeugungen erscheinen mir nur deshalb selbstverständlich, weil fast alle Menschen, denen ich vertraue, sie teilen?

Welche Informationen sortiere ich aus, bevor ich mich ernsthaft mit ihnen beschäftige?

Welche Fehler von Politikern oder politischen Positionen, denen ich näherstehe, bewerte ich großzügiger als vergleichbare Fehler der anderen Seite?

Bei welchen Quellen genügt mir eine Schlagzeile, weil sie bestätigt, was ich ohnehin schon denke?

Und wann habe ich zuletzt aufgrund neuer Informationen eine wichtige politische Überzeugung tatsächlich geändert?

Verstehen bedeutet nicht rechtfertigen

Mir scheint dabei eine Unterscheidung besonders wichtig.

Wenn ich verstehen möchte, warum jemand Donald Trump verehrt oder die AfD wählt, bedeutet das nicht, dass ich seine Entscheidung für richtig halte.

Verstehen ist nicht dasselbe wie Rechtfertigen.

Ich kann versuchen zu verstehen, warum Menschen Angst vor Migration haben, ohne fremdenfeindliche Positionen zu akzeptieren.

Ich kann nachvollziehen wollen, warum jemand das Vertrauen in traditionelle Medien verloren hat, ohne deshalb eine erfundene Nachricht auf Facebook für ebenso glaubwürdig zu halten wie sorgfältig recherchierten Journalismus.

Ich kann verstehen wollen, warum sich jemand von Donald Trump vertreten fühlt, und ihn trotzdem für eine Gefahr für die Demokratie halten.

Vielleicht ist sogar das Gegenteil richtig:

Wenn ich eine politische Entwicklung wirklich für gefährlich halte, sollte ich besonders daran interessiert sein zu verstehen, warum andere Menschen sie nicht für gefährlich halten.

Und wie könnte ich feststellen, dass ich mich irre?

Am Ende führt mich all das zu einer Frage, die ich inzwischen für eine der wichtigsten Fragen kritischen Denkens halte:

Was könnte mich davon überzeugen, dass meine Überzeugung falsch ist?

Bei Trump.

Bei der AfD.

Aber eben auch bei allen anderen Themen, bei denen ich mir meiner Sache besonders sicher bin.

Wenn meine Antwort lautet: nichts, dann prüfe ich meine Überzeugung nicht mehr.

Dann verteidige ich sie.

Das bedeutet nicht, dass ich nach dieser Selbstprüfung plötzlich Donald Trump für einen großartigen Präsidenten oder die AfD für eine ungefährliche Partei halten müsste.

Vielleicht komme ich nach sorgfältiger Prüfung genau zu demselben Ergebnis wie zuvor.

Aber dann sollte ich besser wissen, warum.

Und vielleicht entdecke ich dabei auch Dinge, die nicht in mein bisheriges Bild passen.

Was sehe ich nicht?

Vielleicht ist das deshalb die wichtigere Frage als:

Warum sehen die anderen nicht, was ich sehe?

Diese Frage ist leicht. Sie lässt mich selbst unangetastet.

Schwieriger ist:

Was sehen die anderen, was ich nicht sehe?

Und noch schwieriger:

Was sehe ich nicht, weil ich es nicht sehen will?

Ich weiß nicht, ob man damit die politische Polarisierung überwinden kann.

Aber vielleicht wäre schon etwas gewonnen, wenn wir häufiger versuchen würden, nicht nur die Denkfehler unserer Gegner zu erkennen.

Sondern auch die Möglichkeit des eigenen Irrtums ernst zu nehmen.

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