Begriffsabgrenzung
Die Begriffe Biorhythmus und biologische Rhythmen müssen klar voneinander getrennt werden. Die populäre Biorhythmuslehre hat mit wissenschaftlich untersuchten biologischen Rhythmen nichts zu tun. Die Aktivität des Sinusknotens im menschlichen Herzen ist beispielsweise ein realer biologischer Rhythmus.
Das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen wird durch zyklische Abläufe geprägt. Die Erdrotation und der Umlauf der Erde um die Sonne erzeugen Tag und Nacht sowie die Jahreszeiten. Viele Körperfunktionen haben sich an solche regelmäßig wiederkehrenden Zeitabläufe angepasst.
Entstehung
Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts untersuchte der französische Pharmazeut Julien Joseph Virey (1775–1846) tageszeitliche Veränderungen von Pulsfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur. Solche Forschungen trugen zur Entwicklung der Chronobiologie bei.
Experimente zeigen, dass Menschen biologische Rhythmen auch dann beibehalten, wenn gewöhnliche äußere Zeitgeber wie Uhren, Tageslicht oder Alltagsgeräusche fehlen. Unter bestimmten Versuchsbedingungen weicht die frei laufende Tagesperiode dabei etwas von 24 Stunden ab.
Die sogenannte Biorhythmuslehre ist dagegen kein Teil der Chronobiologie. Sie beruht nicht auf vergleichbaren wissenschaftlichen Nachweisen und wird von der wissenschaftlichen Medizin abgelehnt.
Die ursprüngliche Idee wird meist dem Hals-Nasen-Ohren-Arzt Wilhelm Fliess (1858–1928) zugeschrieben, einem Freund Sigmund Freuds. Fliess glaubte, in Krankengeschichten wiederkehrende Zyklen erkannt zu haben. Er postulierte einen 23-tägigen Zyklus für Männer und einen 28-tägigen Zyklus für Frauen. Spätere Biorhythmussysteme ergänzten einen angeblichen geistigen Zyklus von 33 Tagen.
Grundlagen der Biorhythmuslehre
In ihrer verbreiteten einfachen Form nimmt die Lehre drei periodische Abläufe an:
- Körperlicher Rhythmus (23 Tage): Ausdauer, Vitalität und Kraft.
- Emotionaler Rhythmus (28 Tage): Stimmung, Wahrnehmung und Kreativität.
- Geistiger Rhythmus (33 Tage): Denken, Lernen und logisches Verständnis.
Mit dem Alter in Tagen AT werden die drei Werte als Sinuskurven dargestellt:
KZ = sin(2π · AT / 23)EZ = sin(2π · AT / 28)GZ = sin(2π · AT / 33)
Dabei stehen KZ, EZ und GZ für den körperlichen, emotionalen und geistigen Zustand. Die Formeln verwenden das Bogenmaß; bei der Geburt beginnen alle drei Kurven rechnerisch mit dem Wert null.
Kritik
- Starre Perioden: Die Kurven sollen unabhängig von Frühgeburt, Geburtstermin, Lebensweise, Schlaf, Sport, Krankheiten oder Reisen stets exakt am Geburtstag beginnen und unverändert weiterlaufen. Messbare biologische Rhythmen verhalten sich dagegen nicht so starr und können durch äußere Faktoren beeinflusst werden.
- Keine messbare physiologische Grundlage: Die behaupteten 23-, 28- und 33-Tage-Kurven lassen sich nicht als elektrische, chemische, biochemische oder andere körperliche Prozesse nachweisen. Zuerst werden mathematische Kurven erzeugt; anschließend werden Erlebnisse in diese Kurven hineingedeutet.
Die ähnliche Wortwahl ist daher irreführend: Biologische Rhythmen sind empirisch messbare Phänomene. Die klassische Biorhythmuslehre ist ein numerisch eingängiges, aber wissenschaftlich nicht belegtes Deutungssystem.