Paradoxien der Verhältniswahl
Bei einer Verhältniswahl müssen Stimmenanteile in eine feste Zahl ganzer Parlamentssitze umgerechnet werden. Weil proportionale Ansprüche fast immer Dezimalzahlen ergeben, ist ein Rundungs- oder Restausgleichsverfahren notwendig. Je nach Verfahren können einzelne Parteien geringfügig bevorzugt oder benachteiligt werden.
Mathematisch unterscheidet man insbesondere zwischen Divisorverfahren und Quotenverfahren.
Divisorverfahren
- D’Hondt: begünstigt bei der Rundung tendenziell größere Parteien.
- Sainte-Laguë/Schepers: verwendet eine Standardrundung und wird heute für die Sitzverteilung bei Bundestagswahlen eingesetzt.
Quotenverfahren
Beim Hare/Niemeyer-Verfahren wird zunächst eine Quote berechnet. Die ganzzahligen Anteile werden direkt zugeteilt; verbleibende Sitze erhalten die Parteien mit den größten Nachkommaresten.
Historische Einordnung
Das Verfahren ist nach dem britischen Juristen Thomas Hare (1806–1891) und dem deutschen Mathematiker Horst F. Niemeyer (1931–2007) benannt. Bei Bundestagswahlen wurde Hare/Niemeyer von 1987 bis 2005 verwendet. Seit der Bundestagswahl 2009 erfolgt die Sitzzuteilung nach Sainte-Laguë/Schepers.
Seit der Wahlrechtsreform, die erstmals bei der Bundestagswahl 2025 angewendet wurde, ist der Bundestag grundsätzlich auf 630 Sitze begrenzt. Überhang- und Ausgleichsmandate entfallen; ein Wahlkreissieg führt nur dann zu einem Mandat, wenn er durch den Zweitstimmenanteil der Partei im jeweiligen Bundesland gedeckt ist.
Algorithmus des Hare/Niemeyer-Verfahrens
- Für jede Partei wird der proportionale Sitzanspruch berechnet: Stimmen der Partei geteilt durch die Gesamtzahl der berücksichtigten Stimmen, multipliziert mit der Zahl der zu vergebenden Sitze. Der ganzzahlige Anteil wird sofort zugeteilt.
- Die noch verbleibenden Sitze werden in der Reihenfolge der größten Nachkommareste vergeben.
Paradoxien des Hare/Niemeyer-Verfahrens
Alabamaparadoxon
Erhöht man nach einer Wahl die Gesamtsitzzahl eines Parlamentes, so kann eine Partei bei gleicher Stimmenverteilung (d.h. dem Ergebnis der Wahl) einen Sitz verlieren. Dieses Paradoxon kann man sich am besten anhand der Ergebnisse der Bundestagswahl von 1998 verdeutlichen.| Partei | Zweitstimmen | Quote bei 656 Sitzen | Sitze bei 656 Sitzen | Quote bei 657 Sitzen | Sitze bei 657 Sitzen |
| SPD | 20181269 | 285,268 | 285 | 285,702 | 286 |
| CDU | 14004908 | 197,963 | 198 | 198,265 | 198 |
| CSU | 3324480 | 46,992 | 47 | 47,064 | 47 |
| Grüne | 3301624 | 46,669 | 47 | 46,740 | 47 |
| FDP | 3080955 | 43,550 | 43 | 43,616 | 44 |
| PDS | 2515454 | 35,556 | 36 | 35,610 | 35 |
| Zusammen | 46408690 | 656,000 | 656 | 657,000 | 657 |
New-State-Paradoxon (Neue-Partei-Paradoxon)
Durch das Streichen einer Partei mit ihren Stimmen und Sitzen, kann eine andere Partei Sitze verlieren oder gewinnen. Die Fünfprozentklausel kann z.B. zu diesem Paradoxon führen.| Partei |
Stimmenzahl |
Sitzzahl |
Sitzzahl |
||
| ohne Partei D |
Quote |
mit Partei D |
Quote |
||
| A |
398 |
5 |
5,32 |
6 |
5,57 |
| B |
250 |
4 |
3,34 |
3 |
3,50 |
| C |
100 |
1 |
1,54 |
1 |
1,33 |
| D |
252 |
(4) |
3,36 |
4 |
3,52 |
| gesamt |
748 bzw. 1000 |
10 bzw. 14 |
14 |
||
Populationsparadoxon
Darunter versteht man, dass eine Partei trotz Stimmengewinnen einen Sitz verlieren und gleichzeitig eine andere Partei trotz Stimmenverlusten einen Sitz gewinnen kann.Ergebnis der Bundestagswahl 1998:
| Partei | Zweitstimmen | Quote | Sitze |
| SPD | 20181269 | 285,268 | 285 |
| CDU | 14004908 | 197,963 | 198 |
| CSU | 3324480 | 46,992 | 47 |
| Grüne | 3301624 | 46,669 | 47 |
| FDP | 3080955 | 43,550 | 43 |
| PDS | 2515454 | 35,556 | 36 |
| Zusammen | 46408690 | 656,000 | 656 |
Nehmen wir einmal an, dass die CDU damals 38.000 Stimmen weniger erhalten,
dann hätte sich folgende Verteilung ergeben:
| Partei | Zweitstimmen | Quote | Sitze |
| SPD | 20181269 | 285,5 | 285 |
| CDU | 13966908 | 197,5879 | 198 |
| CSU | 3324480 | 47,0 | 47 |
| Grüne | 3301624 | 46,7 | 47 |
| FDP | 3080955 | 43,58586 | 44 |
| PDS | 2515454 | 35,58579 | 35 |
| Zusammen | 46408690 | 656,000 | 656 |
Also hätte es in diesem Fall bei konstanter Stimmenzahl für PDS und FDP einen FDP-Abgeordneten mehr im Bundestag gegeben und einen PDS-Abgeordneten weniger, obwohl sich lediglich die Stimmenzahl der CDU geändert hätte.
Weitergehende Informationen zu den Berechnungsverfahren finden Sie auf den Seiten von Martin Fehndrich, wo auch ein Teil der hier verwendeten Beispiele stammt: Stimmenverrechnung der Verhältniswahl
Ansonsten finden Sie auch reichlich Informationen zum Wahlrecht und den Berechnungsverfahren auf den Seiten des Bundestages